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| Zeit-Fragen > 2012 > Nr.34|35 vom 20.8.2012 > Warum die Schweiz unser Vorbild sein muss | [Druckversion] |
Warum die Schweiz unser Vorbild sein mussDie «Idée Suisse»: die erste multikulturelle Nation der Weltvon Hildegard Stausberg Am 1. August begehen die Eidgenossen ihren Nationalfeiertag. Man belächelt sie immer noch gern – dabei täten die kriselnden Staaten Europas gut daran, das Schweizer Erfolgsmodell zu studieren. Eine Landkarte Europas Anfang der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts: Im Herzen liegt die neutrale Schweiz, eingekesselt von ihr nicht wohlgesonnenen Staaten. Im Norden das nationalsozialistische Deutschland, im Süden das faschistische Italien, im Westen das den Nazis ergebene Vichy-Frankreich, Österreich, der alte geschichtsträchtige Nachbar, nun als «Ostmark» Berlin unterstellt. Überfallen und ausgeraubtWirtschaftlich brachten die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg der Schweiz einen dauerhaften Aufschwung, wie sie ihn nie zuvor erlebt hatte. Die Schweiz selbst ist ja eigentlich nicht reich, sie lebt vom Fleiss und der Erfindungsgabe ihrer Bürger und von der strategisch einmaligen Lage im Herzen Europas. Die «Griechen der Schweiz»Der Publizist Christophe Büchi beschreibt in seinem Buch «Der Röstigraben» das Verhältnis zwischen den «deutschen» und den «lateinischen» Landesteilen. Dabei zeigen die letzten Jahre, dass vor allem das Stimmverhalten der ehedem als besonders «rebellisch» geltenden Minderheit der französischsprachigen, also «welschen» Schweiz sich demjenigen in den alemannischen Landesteilen annähert. Eine veritable IndustriemachtHäufig wird übersehen, dass die Schweiz eine veritable Industriemacht ist: Mit einem Wert von rund 100 Milliarden Schweizer Franken ist die Industrieproduktion in absoluten Zahlen doppelt so hoch wie diejenige Singapurs oder Norwegens. Der liberale Think tank avenir suisse weist darauf hin, dass sich zum hohen Wert der Industrieproduktion eine konsequente Markenpflege gesellt. Stabile VerhältnisseDennoch macht sich die Kritik gerade in Deutschland immer stärker am Finanzplatz Schweiz fest: Dieser agiere undurchsichtig und biete sich an als «Schwarzgeldparadies». Dabei klammert die Debatte die Kernfrage aus: Warum wollen Ausländer denn ihr Vermögen in der Schweiz anlegen? Gibt es dort geheime Gnome, die damit tief in den Alpen einen Goldschatz anlegen? Quelle: weltonline vom 14.8.2012 Das Modell Schweiz – Genossenschaftsprinzip statt HerrschaftsprinzipVon der Schweiz lernen heisst, den Anmassungen des Imperiums widerstehenFöderalistische Gesinnung – ein Friedensmodell und ein Modell des Ausgleichs Quelle: Wolfgang von Wartburg: Geschichte der Schweiz. München 1951 Lebensnahe Gemeinschaften als unersetzliche Bürgerschulen«Nur in einer übersichtlichen, lebensnahen Gemeinschaft vermag sich der Normalbürger das zu erwerben, was man als politisches Augenmass, als Sinn für die menschlichen Proportionen zu bezeichnen pflegt. Nur hier lernt er im täglichen Gespräch die berechtigten Anliegen seiner anders gesinnten und anders interessierten Nachbarn einigermassen begreifen und ihnen Rechnung zu tragen; nur hier entwickelt sich auf dem Boden der Freiheit jenes Minimum an Gemeinschaft, das den Hang zum Autoritarismus wie zur Anarchie wirksam einzudämmen vermag. In diesem Sinne sind und bleiben autonome Kleinräume unersetzliche Bürgerschulen, ohne die gerade der freiheitlich-demokratische Staat in seinen Wurzeln verdorren müsste.» Quelle: Adolf Gasser: Gemeindefreiheit als Rettung Europas. Grundlinien einer ethischen Geschichtsauffassung. Verlag Bücherfreunde, Basel 1947 Politik ist von Korruption nicht befleckt – Was 1921 galt, gilt auch heute noch – anders als in der EU«Die Vorzüge, die ein fremder Beobachter an der Regierung der Schweiz entdeckt, wenn er einen Vergleich mit anderen ausgewachsenen Demokratien des Altertums und der Neuzeit macht, lassen sich wie folgt zusammenfassen: Eine Stabilität, die im Bund auffallend ist und in den Kantonen, wenn auch nicht im gleichen Umfange, aber doch ziemlich allgemein herrscht. […] Eine Verwaltung, die unvergleichlich sparsam und im allgemeinen tüchtig ist. […] Für alle Zweige der Erziehung wird, ausser in einer sehr geringen Anzahl von Kantonen, ausgiebig Vorsorge getroffen. […] Die Strassen sind in Anbetracht der Schwierigkeiten eines gebirgigen Landes, in dem Erdrutsche und Überschwemmungen nach der Schneeschmelze vorkommen, ausgezeichnet. […] Die Freiheit des Einzelnen wird respektiert, der Ton des öffentlichen Lebens hält sich auf einem hohen Niveau, und die Politik ist von Korruption nicht befleckt. Das starke Gefühl für staatliche Pflichten zeigt sich in den im grossen Umfange geleisteten Diensten in Kantonen und Gemeinden.» Quelle: James Bryce, schottischer Staatstheoretiker, über die Schweizerische Demokratie kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in: Peter Dürrenmatt: Schweizer Geschichte.Verlag Hallwag AG, Bern 1957 Deutsche Angriffe gegen die Schweiz – ein übles Déjà-vuWährend der ganzen Dauer des Krieges musste Bern ein ununterbrochenes Feuer von Protesten aus Berlin über sich ergehen lassen. Alle Schweizer Zeitungen waren in Deutschland verboten. Was die deutsche Presse anbelangt, so machte diese keine Umschweife. Sie schämte sich nicht, die Schweizer als Parasiten Europas, als lächerliche Zwerge darzustellen. Oder wie folgt: «Selbst wenn ihr mit eurem schwachen Verstand, eurer Unverschämtheit, eurem vom Messdienst in den Synagogen verschmutzten Gehirn nicht in der Lage seid, unsere Sprache zu verstehen, so sagen wir euch offen und ehrlich: Ihr habt zu viel Geschirr zerschlagen. Euer Schuldenkonto ist unermesslich gross. Es nützt euch nichts, euch jetzt zu verstecken und die Unschuldigen zu spielen. Im neuen Europa, das aus den vom Krieg verursachten Ruinen und den Opfern unserer heldenhaften Soldaten geboren werden wird, wird es keine Müllhaufen für Emigranten und Diener der Juden geben.» Dieser Kommentar erschien am 4. Juli 1940, kurz nach der französischen Niederlage. Man muss wissen, dass Nazideutschland seine eigene Definition von Neutralität hatte, dergemäss nicht nur die Regierung und die Armee neutral sein müssten, sondern auch der Rest des Landes und vor allem die Zeitungen und das Radio. So gingen die Deutschen sogar so weit, den Rücktritt einiger Redaktoren zu fordern. Quelle: Christian Favre, La Suisse avant et pendant la Seconde Guerre mondiale. Hitler: Den Feind «von innen her» vernichtenKommen wir aber nochmals auf die Absichten des Reichs gegenüber der Schweiz zurück. Diese waren weit davon entfernt, wohlwollend zu sein; im Klartext, die Schweiz machte Hitler rasend. Er wusste die Armee und Guisan eindeutig auf der Seite der Alliierten; dies prangerte er wiederholt an und ging sogar so weit, auf Schweizer Politiker Druck auszuüben, um sie und Guisan zu entzweien. Quelle: Christian Favre, La Suisse avant et pendant la Seconde Guerre mondiale. |
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