Mazedonien – Blaupause nach dem Muster von «Regime change»

Interview mit Zivadin Jovanovic*, Präsident des Belgrad Forum for a World of Equals

Sputniknews: Bei seinem kürzlichen Besuch in Serbien äusserte sich Sergej Lawrow über die Sorge Russlands hinsichtlich der Gewalt in Mazedonien und der Idee eines «Gross­albaniens». Welche Unterstützung haben albanische Nationalisten auf dem Balkan und international?

Zivadin Jovanovic: Wir sind alle wirklich sehr besorgt wegen der laufenden Destabilisierung von Mazedonien. Zu den wachsenden sozio-ökonomischen Problemen in der Region kommen hier nun massive Gewalt und die politische Destabilisierung von Mazedonien hinzu. Die Idee von Grossalbanien ist alt, aber sie ist durch die Nato-Aggression von 1999 unterstützt worden, und 2008 wurde die Idee weiter verstärkt durch die unilaterale Sezession der serbischen Provinzen Kosovo und Metohija, unterstützt und anerkannt von den USA und den meisten Regierungen der EU/Nato-Mitgliedstaaten. Es kann kaum bezweifelt werden, dass die gegenwärtige Destabilisierung von Mazedonien nicht ohne den Willen und ohne die Unterstützung derselben westlichen Kräfte geschehen kann. Stellungnahmen von verschiedenen westlichen Hauptstädten, die Teilnahme von einigen westlichen Botschaftern an den Demonstrationen in Skopje, die Slogans und allgemein die westliche Propaganda sind mehr als deutlich. Serbien ist gewiss eines der Länder in der Region, die für die Stabilisierung von Mazedonien sind und die die Idee von «Grossalbanien» verurteilen.

Denken Sie, dass die gegenwärtigen Proteste ein Versuch sind, die jetzige Regierung von Mazedonien zu destabilisieren? Und glauben Sie, dass diese Versuche mit den «farbigen Revolutionen» und den «Regime change»-Operationen zusammenhängen, die vom Westen gesponsert waren, das heisst im ehemaligen Jugoslawien (Otpor!), in Georgien (Rosenrevolution) oder in der Ukraine (Euro­maidan)?

Ich denke, dass die jetzigen Vorgänge in Mazedonien nach dem «Regime change»-Muster in Serbien (Jugoslawien) und in anderen Orten in Europa und in Nordafrika verlaufen, oder wie die derzeitigen Versuche, Brasilien, Venezuela und Argentinien zu destabilisieren. Es gibt sicherlich bestimmte Details, die von Land zu Land verschieden sind, aber die wesentlichen Phasen und Instrumente sind die Propagandamaschinerie, um in der Bevölkerung Unzufriedenheit zu schaffen, massive Proteste und sogar bewaffnete Zwischenfälle zu organisieren, Forderungen nach «Veränderungen» voranzutreiben und schliesslich legal gewählte Regierungen zu stürzen.

Lawrow sagte, dass die jüngsten «Ereignisse in Mazedonien vor dem Hintergrund des Verzichts der mazedonischen Regierung, sich der Sanktionspolitik gegen Russland anzuschliessen, ablaufen» und Skopje zudem «eine aktive Unterstützung in bezug auf den Bau der Gaspipeline Turkish Stream gezeigt» hat. Sind die USA daran interessiert, die Region für geopolitische Zwecke zu destabilisieren?

Ich glaube, Lawrow hat Recht. Die USA haben Angst, die Kontrolle über Europa und über Europas Zusammenarbeit mit Russland zu verlieren. Diesbezüglich betrachtet Wa­shington jedes Projekt, das Europa auf lange Sicht eigenständig, sicher und unabhängig macht, so wie South Stream, Turkish Stream oder irgendein anderes Projekt, als seinen geostrategischen Interessen entgegenstehend und versucht, das mit allen Mitteln zu verhindern. Mazedonien ist keinesfalls gross oder stark, aber es sieht Turkish Stream und den Freihandel mit Russland als im besten Interesse seines Landes. Bedauerlicherweise haben die USA ausser ihren eigenen Interessen kein Interesse für irgend jemanden, schon gar nicht für Mazedonien. Das ist die imperiale Logik. Aber die Zeit für die Weltpolizei ist abgelaufen. Die Geschichte schreitet weiter ungeachtet imperialer Prognosen.    •

*    Zivadin Jovanovic war von 1998 bis 2000 Aussenminister der Bundesrepublik Jugoslawien.

Quelle: www.beoforum.rs/en  vom 19.5.2015
(Übersetzung Zeit-Fragen)