Warum wir auf China hören sollten

von Stephen S. Roach*

Peking ist entsetzt über Washingtons Haushaltspolitik – und sein Appetit nach Dollar-Anlagen wird bald gesättigt sein. Schlechtes Zeichen für die klamme US-Wirtschaft.

Die Chinesen haben die Dynamik der amerikanischen Wirtschaft lange bewundert. Aber zur US-Regierung und deren dysfunktionaler Wirtschaftspolitik haben sie das Vertrauen verloren. Nach der Subprime-Krise kam die Debatte über die Schuldengrenze und das Haushaltsdefizit. Führende chinesische Politiker haben kein Verständnis dafür, wie die USA Politik auf Kosten der finanziellen Stabilität machen. «Das ist schockierend», sagte mir ein hochrangiger Funktionär. «Die andauernde Verantwortungslosigkeit der Regierung ist erstaunlich.»
China steht nicht unbeteiligt am Rand. Nach der asiatischen Finanzkrise der späten 90er Jahre hat das Land etwa 3200 Milliarden Dollar Fremdwährungsreserven angehäuft, um sein System gegen externe Schocks abzusichern. Zwei Drittel dieser Summe stecken in Dollar-Anlagen, darunter hauptsächlich US-Schatzbriefe und andere öffentliche Wertpapiere. Dadurch hat China Ende 2008 Japan als grössten Investor in US-Finanzanlagen abgelöst. Nicht nur aus Sicherheitsbedürfnis ist China eine so grosse Wette auf die einst relativ risikolosen Papiere eingegangen, sondern auch, weil die Wechselkurspolitik des Landes dies erforderte. Um die Anpassung des Renminbi an den Dollar beizubehalten, musste China einen ungewöhnlich hohen Anteil seiner Fremdwährungsreserven in Dollar anlegen.
Diese Tage sind vorbei. China erkennt, dass es nicht mehr sinnvoll ist, seine momentane Wachstumsstrategie beizubehalten, die hauptsächlich auf einer Kombination von Exporten und einem massiven Puffer aus Fremdwährungsreserven in Dollar beruht. Dabei folgt die chinesische Führung hauptsächlich drei Erkenntnissen:
Erstens waren die Krise und die grosse Rezession von 2008 und 2009 ein Weckruf. Zwar blieb die chinesische Exportindustrie sehr wettbewerbsfähig, aber trotzdem kamen infolge dieser Zeit verständliche Zweifel an der ausländischen Nachfrage nach chinesischen Produkten auf. In den USA, Europa und Japan, jenen krisengeschüttelten Industrieländern, die gemeinsam mehr als 40 Prozent der chinesischen Exporte abnehmen, wird die Konsumnachfrage wahrscheinlich in den kommenden Jahren langsamer wachsen als während des chinesischen Exportbooms der letzten 30 Jahre. Die Exportorientierung, lange stärkster Antrieb des chinesischen Wachstums, weist entscheidende Nachteile auf.
Zweitens sind die Kosten für die Versicherungsprämie in Form übergrosser chinesischer Fremdwährungsreserven auf Grund politischer Risiken gestiegen. Da die Schuldenrückzahlung der US-Regierung fraglicher wird, ist das Konzept der risikolosen Dollar-Anlagen in Frage gestellt. Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao und Präsident Hu Jintao haben wiederholt ihre Sorge über die US-Haushaltspolitik und den Status von Staatsanleihen als sicheren Hafen geäussert. Dahinter stand nicht unbedingt die Angst vor einer tatsächlichen Staatspleite der USA. China ist skeptisch gegenüber jeglicher Reparatur, die substanzielle haushaltspolitische Korrekturen verschiebt. All dies beschädigt die Glaubwürdigkeit der US-Regierung.

Transparenz in Chinas zwölftem Fünfjahresplan

Schliesslich erkennt China das Risiko der eigenen makroökonomischen Ungleichgewichte – und den Einfluss des exportgeführten Wachstums sowie der kumulierten Dollar-Bestände auf diese. Darüber hinaus registriert China den politischen Druck der Industrienationen gegen die enge Kontrolle des Wechselkurses zum Dollar – ein Druck, der stark an eine Kampagne gegen Japan Mitte der 80er Jahre erinnert. Im Gegensatz zu Japan gibt China den Rufen nach einer scharfen Aufwertung seiner Währung nicht nach. Allerdings sieht das Land gleichzeitig die Notwendigkeit, diese geopolitischen Spannungen ernst zu nehmen. Es reagiert darauf durch Förderung der Inlandsnachfrage und löst sich dabei aus der Abhängigkeit von Dollar-Anlagen.
All dies steht transparent in Chinas zwölftem Fünfjahresplan. Konsumförderung soll die unhaltbare Schieflage richten. Durch Schaffung von Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor, intensive Urbanisierung und Ausbau des sozialen Sicherheitsnetzes werden Arbeitseinkommen und Konsumentenmacht gestärkt. Das dürfte den Konsumanteil an der chinesischen Wirtschaft bis 2015 um mindestens 5 Prozent des BIP steigern. Eine konsumorientierte Neuausrichtung lindert viele der oben angesprochenen Spannungen. Sie entkoppelt das Wirtschaftswachstum von einer gefährlichen Abhängigkeit von externer Nachfrage und wechselt zur internen Nachfrage, die grossen Nachholbedarf hat. Ausserdem nimmt sie den Druck weg, zur Exportförderung die Währung billig halten zu müssen, was Potential für Währungsreformen bietet.
Allerdings wird China durch die Erhöhung des Konsumanteils am BIP grosse Teile seiner Ersparnisse aufbrauchen. Dies könnte die Leistungsbilanz bis 2015 ausgleichen – oder gar zu einem kleinen Defizit führen. Also wird China, der grösste ausländische Käufer von US-Staatspapieren, bald gesättigt sein. Ein weiterer nichtssagender Haushaltskompromiss und schwächeres US-Wirtschaftswachstum lassen eine lange Periode über­grosser Staatsdefizite erwarten. Und dies wirft die grösste Frage von allen auf: Wie will sich eine klamme US-Wirtschaft bei fehlender chinesischer Nachfrage nach Staatsanleihen finanzieren, ohne den Dollar auf Talfahrt zu schicken und/oder die langfristigen Zinsen stark zu erhöhen?
Die hochmütige Antwort einiger Washingtoner Insider lautet, dass die Chinesen sich nicht trauen würden, es darauf ankommen zu lassen. Wo sonst sollten sie schliesslich ihr Geld anlegen? Warum sollten sie Verluste ihrer grossen Mengen an Dollar-Geldanlagen riskieren? Chinas Antwort ist klar: Das Land ist nicht mehr bereit, im Vertrauen auf hohle Versprechen und marode Wirtschaftspolitik seine Stabilität aufs Spiel zu setzen. Die Chinesen sagen endlich nein. Hören wir ihnen genau zu!    •

* Stephen Roach ist Fakultätsmitglied der Yale University und Nichtgeschäftsführender Vorsitzender von Morgan Stanley Asia

Quelle: www.project-syndicate.org/commentary/roach7/German vom 27.7.2011

Bruttostaatsverschuldung1 pro Einwohner der Euro-Zone (2010)

Europäische Union (EU-27) EUR    17 390,20
Euro-Zone (Euro-17) EUR    21 491,10
Italien EUR    29 324,10
Griechenland  EUR    24 280,40
BelgienEUR    30 382,00
FrankreichEUR    23 139,20
PortugalEUR    11 847,80
DeutschlandEUR    21 489,80
Malta EUR     9 545,20
ÖsterreichEUR    22 034,60
Irland EUR    23 520,60
NiederlandeEUR    21 049,70
ZypernEUR    11 955,50
Spanien EUR    12 211,90
Finnland EUR    14 121,80
SlowenienEUR    6 159,80
SlowakeiEUR    4 172,90
Luxemburg EUR    11 071,90
Estland (in EEK bis 2011)EEK    11 564,30
Vereinigte Staaten von Amerika USD   39 488,30

 1 Gesamtbetrag der Verbindlichkeiten, ohne Abzug von Vermögen

Quellen: Eurostat bzw. Weltbank und Institute einzelner Länder